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Wissenschaftstheorie

Allgemeines, auch Epistemologie, englisch Philosophy of Science, bezeichnet die philosophische Disziplin, die sich mit den Voraussetzungen, Strukturen, Methoden, Tätigkeiten, Aufgaben und Zielen aller Arten von Wissenschaften befasst. Der englische Begriff Epistemology steht eher für das, was im Deutschen mit dem umfassenderen Begriff Erkenntnistheorie bezeichnet wird. Methodisch geht die Wissenschaftstheorie begrifflich-analytisch und teilweise formalisierend vor und strebt damit ihrerseits »Wissenschaftlichkeit« an. Sie entlehnt dabei ihr eigenes Methoden-Repertoire und den Anspruch auf Validität ihrer Ergebnisse den empirischen Wissenschaften. In einer weniger strengen Betrachtung kann man die Wissenschaftstheorie als selbstreflektives Bewusstmachen des wissenschaftlichen Vorgehens und Könnens, also auch der Grenzen der wissenschaftlichen Methode, definieren. Umfasst Wissenschaft die forschende Tätigkeit, so umfasst die Wissenschaftstheorie die philosophische Reflektion auf dieses Tun und die damit einhergehende Wissensbildung.

Im weitesten Sinne – obgleich im engsten Wortsinn – geht es darum, eine Theorie zu entwickeln, welche erklärt, was Wissenschaft ist und was sie eindeutig charakterisiert. Dazu gehören also auch die Fragen, wodurch sich die von Wissenschaftlern angewendeten Methoden, ihre Regeln, die getroffenen Aussagen und so weiter gerade als »wissenschaftlich« auszeichnen. Anders gefragt, was also beispielsweise eine »wissenschaftliche« Methode, eine »wissenschaftliche« Erklärung, eine »wissenschaftliche« Theorie und so weiter von anderen Methoden, Erklärungen und Theorien unterscheidet und auszeichnet. Die »wissenschaftliche« Methode stellt einen Weg zur Gewinnung von Erkenntnis dar; daher ist Wissenschaftstheorie der philosophischen Erkenntnistheorie, die sich mit allen, auch allgemeineren Formen und Möglichkeiten der Erkenntnis beschäftigt, zu subsumieren und historisch als Teil dieser traditionellen Disziplin zu sehen. (John Losee lässt daher seine hervorragende Geschichte der Wissenschaftstheorie mit Aristoteles beginnen.)

Seit jeher haben zahlreiche Wissenschaftler selbstreflektiv ihre eigene Tätigkeit und ihre Methoden zur Wissensakkumulation kritisch beleuchtet und standen damit der Naturphilosophie nahe. Als prominenteste Vertreter aus der früheren Geschichte der Physik können Galileo, Newton, Helmholtz oder Mach erwähnt werden. Von einem eigenständigen philosophischen Teilgebiet »Wissenschaftstheorie« kann jedoch erst etwa seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gesprochen werden. Dies lag nicht nur an der rasanten Entwicklung innerhalb der Wissenschaften selbst, gerade der Physik, sondern ausserdem am gleichzeitigen Auftreten von Grundlagenkrisen in der Mathematik und Logik. Insbesondere in der Frühzeit der jungen philosophischen Disziplin Wissenschaftstheorie wurde eine Formalisierung der wissenschaftlichen Methodik und Aussagen angestrebt, die sich mit der Analyse und Definition von wissenschaftlichen Begriffen und den logisch-semantischen Gültigkeitsbereichen von Sätzen, Gesetzen und Theorien sowie deren Erfahrungsgehalt beschäftigte. Die angestrebte Formalisierung der wissenschaftlichen Methodik und Aussagen führte auf Grund der dazu notwendigen Vereinfachungen der betrachteten Gesetze und Theorien dazu, dass vielfach unrealistische (Modell-)Situationen Gegenstand der Untersuchung waren und die daraus gewonnenen Ergebnisse für eine Anwendung auf das reale Geschehen entsprechend ungeeignet waren. Als Beispiel dafür können die ersten Versuche zur formalen Beschreibung der »wissenschaftlichen Erklärung« dienen, die in Analogie zu klassischen Syllogismen konstruiert wurden.

Ein Resultat dieser Entwicklungen ist die Fokussierung wissenschaftstheoretischer Analysen auf die tatsächliche Entwicklung der Wissenschaften, das heisst Anwendung auf und Überprüfung an der Historie. Die Wissenschaftstheorie hat damit in der jüngeren Vergangenheit einen Aspekt thematisiert, der in dieser zentralen Bedeutung nicht Gegenstand erkenntnistheoretischer Reflektion war: Die Dynamik oder zeitliche Entwicklung der (wissenschaftlichen) Erkenntnis durch den Fortschritt in den Wissenschaften. So ist gerade die Frage nach den Ursachen und Kriterien für Fortschritt in der Wissenschaft, der sich durch die Entwicklung neuer Theorien manifestiert, eines der wichtigsten Themen der gegenwärtigen Wissenschaftstheorie. Zu den oben genannten Untersuchungen tritt also als neuer Schwerpunkt die Analyse und Erklärung der historischen Entwicklungsmuster wissenschaftlicher Theorien oder ganzer Disziplinen, also das Ziel einer rationalen Rekonstruktion der Wissenschaftsgeschichte. Hierbei ist insbesondere die von Thomas S. Kuhn propagierte Präzisierung der kontinuierlichen, gewissermassen evolutorischen Wissenschaftsentwicklung gegenüber wissenschaftlichen »Revolutionen« wichtig geworden. Sein Ansatz besteht darin, in der Wissenschaftsgeschichte Phasen kontinuierlicher Entwicklung im Rahmen eines »Paradigmas« (»Normalwissenschaft«) und diskontinuierliche Brüche oder wissenschaftliche Revolutionen (»Paradigmenwechsel«) zu identifizieren. (Geschichte der Physik)

Auch die Analyse von Unterschieden in den Voraussetzungen, Strukturen, Methoden und so weiter der einzelnen Wissenschaften ist Gegenstand einer allgemeinen Wissenschaftstheorie, das heisst die Untersuchung der Besonderheiten einer jeweiligen Wissenschaftsdisziplin im Vergleich zu anderen. Dies erlaubt wiederum eine Gliederung in Wissenschaftstheorie der Natur- sowie der Geisteswissenschaften, beziehungsweise weitergehend in eine jeweilige Wissenschaftstheorie der Einzelwissenschaften. Da die Physik oftmals als die grundlegendste (Natur-)Wissenschaft angesehen wird, kommt somit der wissenschaftstheoretischen Analyse der Methodik der Physik (oder der Wissenschaftstheorie der Physik) insgesamt eine geradezu prototypische Sonderrolle zu: Gerade an physikalischen Gesetzen und Theorien kann besonders gut untersucht werden, welche Kriterien beispielsweise für die Beurteilung des Fortschritts in der Entwicklung wissenschaftlicher Theorien angelegt werden oder welche Kriterien der Aussage über eine beobachtete »Regelmässigkeit« den Rang eines Naturgesetzes verleihen. Eine differenzierte Betrachtung muss dann auch der Frage nachgehen, inwieweit wissenschaftstheoretische Ergebnisse, die anhand der Analyse einer Wissenschaft gewonnen wurden, auf andere Disziplinen übertragbar sind. Die Anwendung so gewonnener Kriterien kann unter Umständen zu ungewöhnlichen oder unerwarteten Resultaten führen. Als Beispiel hierfür mag die von Karl R. Popper propagierte Falsifizierbarkeit der aus einer Theorie abgeleiteten Voraussagen als Kriterium für ihre »Wissenschaftlichkeit« dienen; akzeptiert man dieses Kriterium generell, so wäre demnach die biologische Evolutionstheorie keine wissenschaftliche Theorie, weil sie keine Voraussagen erlaubt, die empirisch widerlegt werden können.

Wichtiger jedoch als die Analyse von Unterschieden zwischen den einzelnen Disziplinen und differenzierenden Aussagen, die sich nur auf jeweils eine spezielle Fachwissenschaft beziehen, ist die Untersuchung von verallgemeinerbaren Merkmalen und Abgrenzungskriterien. Die Natur der Fragestellungen hängt natürlich ab von der Konzeption, was unter Wissenschaft selbst zu verstehen ist. Je nachdem, ob Wissenschaft als Form der Wissensbildung, als Institution (»scientific community«) oder als Ideal gesehen wird, ergeben sich unterschiedliche Aufgaben und Ziele wissenschaftstheoretischer Reflektion, und es ist zu unterscheiden, ob sie sich rein deskriptiv oder normativ versteht. Wie für jede philosophische Disziplin ist auch für die Wissenschaftstheorie die Existenz diverser »konkurrierender« Schulen und Richtungen zu konstatieren. (Wissenschaftsphilosophie)

Literatur: J. Dancy: Contemporary Epistemology, Cambridge, 1985; P. Hoyningen-Huene: Die Wissenschaftsphilosophie Thomas S. Kuhns, Braunschweig, 1989; T.S. Kuhn: The Structure of Scientific Revolutions, Oxford, 1962; J. Losee: A Historical Introduction to the Philosophy of Science, Oxford, 1993; J. Mittelstrass (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Stuttgart, 1996; H. Seiffert, G. Radnitzky (Hrsg.): Handlexikon zur Wissenschaftstheorie, München, 1989; W. Stegmüller: Probleme und Resultate der Wissenschaftstheorie und Analytischen Philosophie, Berlin, 1969; E. Ströker: Einführung in die Wissenschaftstheorie, Darmstadt 1977.

 

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