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Dispersionsrelation
Teilchenphysik,
Beziehung zwischen dem Realteil (Re) und dem Imaginärteil (Im) der (ins
Komplexe fortgesetzten) Fourier-Transformierten g(w) einer physikalischen
Grösse G(t). G(t) bzw. g(w)
können experimentell messbare Grössen sein (wie z.B. die komplexe
frequenzabhängige Dielektrizitätskonstante e(w),
Transportkoeffizienten der irreversiblen Thermodynamik oder energieabhängige
Formfaktoren F(s), die Streuprozesse in der Elementarteilchenphysik
beschreiben), aber auch nicht direkt messbare Grössen wie z.B. Streuamplituden in
der Quantenmechanik bzw. Quantenfeldtheorie. Da oft sowohl Im g(w)
als auch Re g(w) physikalische Bedeutung haben, spielen
Dispersionsrelationen in vielen Gebieten der Physik, vor allem bei der
Ausbreitung von Wellen in Substanzen, eine grosse Rolle.
Ausgangspunkt für Dispersionsrelationen sind im allgemeinen
kausale Beziehungen zwischen einer Ursache U(t) und der
zugehörigen Wirkung W(t) vom Typ der linearen Antwort (Linear
Response)
,
wobei also der gesamte Verlauf von U in der
Vergangenheit des Zeitpunktes t den jeweiligen Wert von W(t)
bestimmt, oder, anders ausgedrückt, ein System mit einer Wirkung W
linear auf eine Ursache U reagiert. Aus Gründen der Kausalität muss G(t)
= 0 für t < 0 gelten, da sonst die Ursache U zu Zeiten zur Wirkung W zur Zeit t
beitragen könnte. Aus dem angegebenen Zusammenhang zwischen W und U
folgt durch Fourier-Transformation W(w) = g(w)U(w)
mit . Die Funktion g(w)
kann in die obere (komplexe) w-Halbebene fortgesetzt werden, wo wegen t > 0 beschränkt und g(w)
daher holomorph ist. Verschwindet g(w) für so stark, dass das Integral über den Halbkreis
mit verschwindet, dann ergibt die Anwendung des
Cauchyschen Integralsatzes
,
wobei das Symbol P bedeutet, dass der Hauptwert des Integrals
zu nehmen ist (Cauchyscher Hauptwert). Daraus folgt aber
und
,
Real- und Imaginärteil von g(w) sind also durch eine
Hilbert-Transformation miteinander verknüpft. Diesen Zusammenhang bezeichnet
man als Dispersionsrelation für g(w). Häufig geht g(w)
für Im w
³
0 nicht stark genug gegen Null, aber die Funktion ; dann gelten
die abgeleiteten Relationen für f. Für g folgt dann

und entsprechend für Im g(w). Man nennt diese
Relationen einmal subtrahierte Dispersionsrelationen, w0 den Subtraktionspunkt
und g(w0)
die Subtraktionskonstante.
Dispersionsrelationen wurden zuerst in der Optik benutzt
(Dispersion).
Dispersionsrelationen finden darüber hinaus weitgreifende
Anwendung in der quantenmechanischen Streutheorie für den Real- und
Imaginärteil der Streuamplitude. Auch hier gilt ein kausaler Zusammenhang: Zur
Zeit t = 0 treffe ein Wellenpaket am Streuzentrum ein, von dem - unter
Umständen mit einer Verzögerung - die Streuwelle emittiert wird; die
Streuamplitude, als Funktion der komplexen Energievariablen, genügt einer
Dispersionsrelation, die schliesslich zu einer Relation umgeformt werden kann,
die die Eigenschaften der gebundenen Zustände und Resonanzen mit einem Integral
über dem Streuquerschnitt als Funktion der Energie der einfallenden Teilchen
verknüpft. Diese Form der Dispersionsrelationen hat in den letzten Jahren eine
wesentliche Rolle in der Elementarteilchenphysik bei der Beschreibung der stark
wechselwirkenden Teilchen, der Hadronen, gespielt (analytische
S-Matrix-Theorie). Ein wichtiger moderner Anwendungsbereich für
Dispersionsrelationen ist auch die Berechnung von Feynman-Integralen in der
Elementarteilchenphysik. Hierbei wird ausgenutzt, dass sich der Imaginärteil
eines Feynman-Diagrammes leicht mit Hilfe der Cutkosky-Regeln bestimmen lässt.
Den Realteil des Diagrammes erhält man über ein Dispersionsintegral. Insgesamt
wird durch dieses Verfahren die Zahl der notwendigen Integrationen stark
reduziert.
Dabei wurden die im Falle der nichtrelativistischen Quantenmechanik
mathematisch streng ableitbaren Dispersionsrelationen mit recht gutem Erfolg
auf den Fall einer relativistischen Dispersionstheorie übertragen. Tatsächlich
können relativistische Dispersionsrelationen in der axiomatischen
Quantenfeldtheorie, allerdings nicht in dem in der analytischen
S-Matrix-Theorie benutzten Umfang, streng bewiesen werden. Die Grundlage bildet
auch hierbei die Kausalitätsbedingung, wonach der Kommutator (bzw.
Antikommutator) zweier Bose- (bzw. Fermi-)Operatoren für raumartige Abstände verschwindet, d. h. für ist, da sich die Streuamplituden in der
Quantenfeldtheorie als Matrixelemente solcher Kommutatoren ausdrücken lassen.
Auf diese Weise erhält man über die experimentelle Prüfung der Richtigkeit
solcher Dispersionsrelationen im Prinzip auch Aufschluss über die Zulässigkeit
der quantenfeldtheoretischen Annahmen, wie etwa der obigen
Kausalitätsbedingung.
In einem weiteren Sinne wird in einer beliebigen Wellentheorie
oft auch der Zusammenhang zwischen Frequenz n und Wellenlänge l,
meist in der Form w = w(k), als
Dispersionsrelation oder Dispersionsbeziehung bezeichnet, wobei w
= 2pn
die Kreisfrequenz und k = 2p/l die Wellenzahl ist.
Beispielsweise ist w = ck/n die Dispersionsrelation
einer elektromagnetischen Welle in einem Medium mit der Brechzahl n
(Dispersion). [BK1]
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